Als ich von der Ausstellung “Aufgetischt – eine kulinarische Weltreise” im Schmuckmuseum Pforzheim las, dachte ich sofort: Da muss ich hin.

Ich konnte das mit einem Besuch bei einer Freundin verbinden, die auch noch einen Kontakt zum Schmuckmuseum hat und so fuhren wir dort gemeinsam hin und bekamen auch noch eine Führung von Isabel Schmidt-Mappes, die für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich und Co-Kuratorin ist.
Ich fand es erstaunlich, dass ein Schmuckmuseum eine Ausstellung zur Tischkultur macht und erwartete eben diese. Ich habe aber den Untertitel nicht gelesen, aber dazu später mehr. Es ist enorm, was die Kurator*innen da zusammengetragen haben, 180 Leihgaben aus rund 30 internationalen Museen!
In den Vitrinen werden Trink-, Essgefäße und -geräte aus den unterschiedlichsten Epochen und Kulturkreisen gezeigt und thematisch zusammengefasst.
“Im Zentrum stehen Besonderheiten der Tafelsitten und auch die Entwicklung der Gerätschaften im Lauf der Jahrhunderte. Was früher höfischer Luxus war (z. B. Kaffee, Kakao, edle Gewürze) ist heute Alltag. Essen ist auch immer ein Zeichen von Macht und Repräsentanz. Das zeigt sich in edlen Materialien und exquisiter Handwerkskunst.”
Verblüfft hat mich da zum Beispiel ein römisches Taschenmesser mit Gabel, Löffel, Spatel, Pickel, Dorn und Messer. Alles zum Aus- und Einklappen. Hergestellt aus Eisen, 201-300 n. Chr. Und da dachte man, die Schweizer hätten es erfunden.
Da steht eine Keramikschale aus dem 18. Jahrhundert mit einem herrlich gemalten Hummer neben einer Sakeschale mit großflächigen Blumen von 2003.

Links Keramikschale Ethnologische Sammlung des Museums Natur und Mensch, Museen Freiburg, Foto Axel Kilian | Rechts Sakeschale Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Sammlung Dr. Anneliese und Dr. Wulf Crueger © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto Thomas Naethe
Schalen und Becher gehören mit zu den ältesten Gerätschaften und plötzlich stellte sich mir die Frage: Wann kam der Henkel an den Becher? Die Ausstellung zeigt auf jeden Fall eine Tasse mit Henkel aus dem 4./3. Jahrhundert v. Chr.
Ganz wunderbar ist auch die Kombination eines venezianischen, sehr aufwändig hergestellten Fadenglas aus dem 16./17. Jahrhundert und dem Designerglas, das von Michael Schwarzmüller und dem Sternekoch Daniel Dal-Ben 2019 entworfen wurde und das es exklusiv nur im Düsseldorfer Restaurant 1876 gibt.

Bei Glas flippe ich ja eh aus. Hier steht ein Deckelpokal mit Insektendarstellungen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts neben einem meiner Lieblingsgläser von Peter Behrens, in die ich mich schockverliebte, als ich sie zum ersten Mal sah. Ich glaube, das war in den 1980er Jahren im Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld. Erst viel später habe ich entdeckt, dass die in Köln Ehrenfeld gefertigt wurden. Die Rheinische Glashütten AG (vormals Rheinische Glashütten-Actien-Gesellschaft in Ehrenfeld bei Cöln) war eine der bedeutendsten Glashütten im Rheinland Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang 20. Jahrhundert.
- Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg Foto G. Janßen
- Bröhan Museum, Berlin
Bei Porzellan kann ich auch ausflippen. Hingerissen war ich von diesem Meissener Schälchen, das über und über mit kleinen Blüten besetzt und mit Gold dekoriert ist. Natürlich vom Meister Johann Joachim Kaendler, um 1740.

© GRASSI Museum für Angewandte Kunst, Leipzig, Foto Esther
Hoyer
Diese beiden Schalen korrespondieren miteinander.. Mit 800 Jahren Unterschied. Die Schale rechts entstand im 12.-13. Jahrhundert im Iran und hat ein sogenanntes Reis- oder Ritzdekor. Die Schale links ist von 1957 und kommt aus Finnland.
Dann gab es mehrere Sektionen, in denen es um Tier- oder Menschendarstellungen ging. Das hat zum einen mythische, rituelle Gründe, weil darüber eine gewisse Identifikation erfolgt. Man trank ja auch aus Schädeln, machte aus Knochen alles Mögliche, verspeiste das Herz des Gegners und ähnliche fragwürdige Handlungen. Dann doch lieber in der transformierten Form.
Niedlich sind auf jeden Fall die Ente als Sakeflasche, aus Japan, 19. Jahrhundert, oder das Gürteltier aus Ton, aus Mexiko, 350-450 n. Chr. Die Trinkpokale in Form von Wildschwein oder Reh kommen aus der Jägerei. “Die goldene Sau von Kanderns” aus Messing ist von 1605, der Hirschpokal, Silber vergoldet ist aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts.
- Badisches Landesmuseum, Karlsruhe, Inv. Nr. A10092 Foto Thomas Goldschmidt
- © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, Foto Claudia Obrocki,
- Badisches Landesmuseum, Karlsruhe, Inv. Nr. 60/130 Foto Thomas Goldschmidt
- Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Forstdirektion Freiburg Foto Bernd Nold, Landesforstverwaltung/RP Freiburg
- © GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
- Museum der Universität Tübingen Foto Michael Rogosch
Sehr entzückt war ich von den Kintsugi Arbeiten, die ja nur bedingt was mit Esskultur zu tun haben. Hier geht es um Wertschätzung der (keramischen) Objekte, die, wenn sie zerbrochen sind, wieder repariert und die Bruchstellen mit Gold belegt werden, um die Spuren des Lebens hervorzuheben. Der Künstler Yasutaka Okamura arbeitet mit dieser Technik und hebt die Brüche und Spalten ganz extrem hervor. Er nennt seine Serie “Gespaltene Gesellschaft”.

Kommen wir zu den Esswerkzeugen. Darüber habe ich hier im Blog ja schon einiges versammelt. Hier sind einige spektakuläre Teile zu sehen. Unglaublich aufwändig gearbeitet und von 1590: Der Besteckköcher mit Messer und Gabel der Maria Zuberin, ein Prunkbesteck mit verrückter Klinge, um 1600

Deutsches Klingenmuseum Solingen
Foto Deutsches Klingenmuseum Solingen, Lutz Hoffmeister

Deutsches Klingenmuseum Solingen
Foto Deutsches Klingenmuseum Solingen, Lutz Hoffmeister
Interessant waren in diesem Prunk-Kontext auch Essgeräte aus Holz und Bein von indigenen Völkern aus Afrika und Nordeuropa, u. a. ein Muschellöffel aus Dänemark von 4.000-1800 v. Chr.
Katalog
Ein ganz fettes Shoutout für den Katalog, den Ina Bauer gestaltet hat! Ich habe schon lange nicht mehr eine so schönen Katalog gesehen.
Leineneinband mit Prägedruck. Bedruckter Schnitt, der ins Innere reicht. Außergewöhnliche Farbwahl. Ein haptisch angenehmes, ungestrichenes Papier im Inneren. Typografisch und grafisch sehr gut gelöst.
2025 Schmuckmuseum Pforzheim, arnoldsche Art Publishers und die Autoren.
ISBN 978-3-89790-746-1
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Ich bin froh, all die schönen Objekte gesehen zu haben, aber ich muss leider auch ein bisschen kritisieren, was vielleicht auch an meinen falschen Vorstellungen lag. Aufgrund des Ausstellungstitels und auch der Einleitungstext auf der Website führt ein bisschen in die Richtung, dachte ich an Tischkultur, sah vor meinem geistigen Auge auf unterschiedlichste Art eingedeckte Tische. Gut, das geben die Räumlichkeiten gar nicht her, ist vermutlich auch aus Sicherheitsgründen schwierig und das Schmuckmuseum ist nun mal naturgegeben ein Vitrinenmuseum.
Aber entweder sehe ich das Thema zu eng, oder es war mir nicht scharf genug abgesteckt. All die rituellen Gefäße, Gefäße, die zur Aufbewahrung oder zum Transport von Getränken dienen, gehören für mich nicht im engeren Sinne zur Tischkultur oder zu dem, was eben “aufgetischt” wird. Die thematische Gruppierung quer durch die Jahrhunderte und unterschiedliche Kulturkreise finde ich grundsätzlich gut, aber mir hat sich da auch nicht alles erschlossen.
Der Katalog bietet da mehr, es gibt viele interessante Texte und Essays zu unterschiedlichen Einzelaspekten und ein umfangreiches Kapitel über den Esstisch mit vielen kunsthistorischen Abbildungen.
Dennoch war ich froh, dort gewesen zu sein. Es war eine Freude, die wunderbare Isabel Schmidt-Mappes kennengelernt zu haben und ich konnte das herrliche Reuchlinhaus bewundern, in dem sich das Schmickmuseum befindet. es wurde 1957-1959 von Manfred Lehmbruck erbaut. Manfred ist der Sohn des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck und er hat auch das 1964 eröffnete Lehmbruck Museum in Duisburg entworfen, das seinem Vater gewidmet ist.












