Eier und Tee

Der Ober brachte die Eier und den Tee und zog sich lautlos zurück. (…)

Die Eier schmecken alt, das tun sie immer, und es wundert mich nicht sehr, seit ich weiß, dass sie nicht von munter scharrenden Hennen, sondern von unseligen, eingesperrten Kreaturen stammen. Diese Eier sind ihre Rache. Ich stehe natürlich ganz auf seiten dieser Roboter. Noch viel ärger müssten die Eier schmecken, um unser schändliches Tun zu strafen. Ich spüle sie mit Tee hinunter, der zwar nicht nach Tee schmeckt, aber wenigstens den Eigeschmack vergessen ließ. Dann wischte ich mir den Mund ab und sah in den Taschenspiegel. (…)

Alles was es in diesem Café zu essen gibt, habe ich schon durchprobiert, genießbar ist nur der Kaffee, er ist sogar vorzüglich. Der Schinken schmeckt nach stark gesalzenem Papier, der gebratene Specke ist ranzig, und Wurst  kommt überhaupt nicht in Betracht. Dann kann man noch Russisches Ei bestellen, aber das tut keiner ein zweites Mal, genießbar daran ist nur das Salatblatt, das eben nach Gras schmeckt. In anderen Cafés ist es nicht besser, nur teurer, und hier sitzt man wenigstens angenehm und ungestört. Hubert behauptet immer, ich sei heikel, aber das stimmt nicht, ich erinnere mich unglückseligerweise nur daran, wie Speisen eigentlich schmecken sollten.

 

Marlen Haushofer: Die Mansarde
Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, 1986

In Säure getränktes Löschpapier

Alles, was wir essen ist ungenießbar geworden. Hühner, Schweine und Kälber schmecken nach aufgequollenen Waschlappen. Wenn ich Kalbsgulasch koche, sagt Hubert: „Pfui Teufel, was riecht denn da so nach Leichen?“ In letzter Zeit koche ich deshalb nur noch Rindsgulasch, vielleicht weigern sich die Kühe hartnäckig, etwas anderes zu fressen als Gras und Heu. Wahrscheinlich ist es ganz gut, daß Hubert raucht, dann merkt er nicht so genau, wie grauslich alles schmeckt. Es entgeht ihm, daß das Schlagobers stinkt und daß der Karpfen nach Petroleum riecht.

Alles wird immer teurer, schmeckt immer schlechter und ist dafür bombastisch verpackt.


(…)
Das Unheimliche an diesem Zustand ist, daß jeder es weiß und kaum einer darüber redet. Wir schlucken geduldig hinunter, was man uns vorsetzt. Ochsen sind wir, die einen Ring durch die Nase tragen und brav auf vorgeschriebenen Pfaden dahintraben. Am Samstag hatte ich eingelegte Maiskolben und Artischocken gekauft. Sie waren sündteuer, und beides schmeckte wie Essiggurken. Für diese Dinge scheint kein Mensch zuständig zu sein. Es gibt keinen, den man dafür anklagen könnte. Denn vom Minister bis zum Hausmeister essen wir alle geduldig in Säure getränktes Löschpapier.

 

Marlen Haushofer: Die Mansarde
Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, 1986