Alle meien Löffel

Löffelbord im Freilichtmuseum Kommern

Der Löffel ist sicher das älteste Esswerkzeug, gestaltet nach dem Vorbild einer hohlen Hand.

Schon in der Steinzeit schnitzte man sich Esshilfen aus Holz oder Horn und der Holzlöffel war bis zur industriellen Revolution, als man Metalllöffel kostengünstig in großen Mengen herstellen konnte, der Standard. (Mir persönlich verursacht schon alleine die Vorstellung Gänsehaut, ich kann überhaupt kein Holz in den Mund nehmen, auch nichts von einem hölzernen Kochlöffel ablecken. Brrrr.) Also war der Löffel bis dahin ein relativ wertvoller Besitz.

Heutzutage gibt es eine Vielzahl an Löffeln in unterschiedlichsten Formen und aus vielerlei Materialien. Auch für die verschiedensten Speisen und Getränke gibt es jeweils passende Löffel: Kaffee, Tee, Eier, Suppe, Eis, Dessert, etc. Ich habe mal meine Löffel gezählt, ich besitze sage und schreibe gut 110 Stück.

Objekte gestalten gesellschaftliche und kulturelle Verhaltensweisen

(Design ist unsichtbar (!), Lucius Burckhardt) denn mit dem Löffel aß man ursprünglich mit mehren Menschen gemeinsam aus einem Topf in der Tischmitte. Das tun wir schon lange nicht mehr. So sind Suppenlöffel eigentlich überflüssig, denn das trinken aus einer Suppentasse wäre praktikabler, würde weniger Gerätschaft benötigen, außerdem wäre der Genuss höher, denn die Speise verteilt sich ohne Metallgerät viel besser im Mund, erreicht die Geschmacksrezeptoren schneller und direkter – so führen es Martin Halblesreiter und Sonja Stummerer in ihrem Buch “eat design“ aus. (S. 37)

Aber ich wollte eigentlich was ganz anderes erzählen. Ich war im August zum ersten Mal im Freilichtmuseum Kommern und hellauf begeistert. Dort kann man historische Gebäude und Baugruppen des Niederrrheins, dem Westerwald und der Eifel begehen. Ich liebe es ja, mich in andere Zeiten zu versenken und mir vorzustellen, wie da das Alltagsleben war. Der Heyerhof in der Baugruppe Niederrhein war ein Einzelhof in der Bauerschaft Herzbroich nördlich von Korchenbroich. Er gehörte bis 1794 zur reichsunmittelbaren Herrschaft Myllendonk. 1834 hatte der „Kotten Heyerhof“ ein Wohngebäude und drei Wirtschaftsgebäude mit fünf Einwohnern. Er vermittelt das Bild einer idealtypischen niederrheinischen Hofanlage. So die Beschreibung des Museums.

Ich habe mich bei mehreren Häusern gefragt, ob die Inneneinrichtugen zeittypisch sind, das sind sie allerdings nicht. „Auch die Ausstattung ist nicht original, sondern nach Vergleichsbeispielen aus dem Umkreis rekonstruiert worden.“ erläuterte mir Dr. Ute Herborg, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung am Museum.

Löffelbord

Also, ich entdeckte dort ein Löffelbord. Dass Löffel so aufwändig (re-) präsentiert werden, hat mich nachdenklich gemacht. Wir haben unser Besteck ja vermutlich alle in einer Schublade und dort in einem Einsatz, um Gabeln, Löffel, Löffel, etc. voneinander getrennt einzusortieren. Ich kenne ja noch das Wort Besteckkasten und ursprünglich war das wirklich mal ein Kasten mit Deckel, in dem das Besteck aufbewahrt wurde. Eine kurze Recherche ergab, dass es davor noch einen Besteckkoffer gab. „Dieser Koffer fasste jedes einzelne Besteckstück des Satzes einzeln, um Kratzer und andere Beschädigungen des wertvollen Materials zu unterbinden. Ein weiches Material wie Samt bildete das Inlet dieser aktentaschenähnlichen Besteckunterkunft. Mit dieser Form der Aufbewahrung sollte nicht zuletzt die Oxidation des Silbers verhindert werden.“ www.besteckkasten.net

Besteckkästen werden vielleicht noch in Gastronomien gebraucht?

Auf diesem Hof hat man aber damals vielleicht wirklich nur mit Löffeln gegessen und es gab für jeden Bewohner einen. Mir ließ das keine Ruhe, und ich habe beim Museum nachgefragt. Frau Dr. Herborg hat sich netterweise gekümmert und schrieb mir dies:

„Ich würde mutmaßen, dass das kleine Holzregal aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt. Auch die Löffelsammlung könnte aus dieser Zeit, vielleicht sogar erst um die Jahrhundertwende, datieren. Man kann aber annehmen, dass der Platz nahe des Essplatzes für die Familie in der „Lucht“, einer kleinen Nische mit Tageslicht im Herdraum, so gewesen sein könnte. Wie es der Museumsführer formuliert: „Nach dem Mahl aus einer gemeinsamen Schüssel gab hier jedes Mitglied der Tischgemeinschaft seinen Löffel ab.“ Mir persönlich erscheinen die Löffel etwas zu „großbürgerlich“ für den Heyerhof, der ja doch ein Pachthof war und nicht im Eigentum seiner Bewohner, aber auch das kann ich lediglich behaupten.“

„Den Löffel abgeben“ ist ja ein Euphemismus für sterben. Das bezieht sich darauf, dass der eine Löffel ehemals ein wertvoller Besitz war, den man abgibt, also vererbt, wenn man stirbt. Es gibt aber auch noch einen anderen Ursprung, der mir bislang unbekannt war:

Im Mittelalter hatte nämlich jeder seinen eigenen Löffel, der am Wandbrett seinen besonderen Platz fand. Wer den Löffel daran aufhängte, hatte seine Mahlzeit beendet. Derjenige, der den Löffel abgab/hinlegte/wegwarf/fallen ließ, schloss sich aus der Tischgemeinschaft aus (vgl. Röhrich 1992; Küpper, Heinz: »Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache«, Stuttgart 1982).

Auch kann das Löffel abgeben als Zeichen des Machtverlusts interpretiert werden. Im Schwarzwald bekamen die Knechte von Bauern beispielsweise für die Dauer ihres Dienstes auf dem Hof einen Löffel geliehen, den sie wieder abgeben mussten, wenn sie weiterzogen. Und auch, wenn die Bäuerin in die Jahre gekommen ist und sich zur Ruhe setzte, wurden ihre Kochlöffel an die junge Bauersfrau, in der Regel die Schwiegertochter, abgegeben. So ist die alte Bäuerin also auch symbolisch von ihrer Position als Hofherrin zurückgetreten und hat diesen Platz der jüngeren Generation überlassen (vgl. Jochen Krause alias Dr. Wort: »Klappe zu, Affe tot. Woher unsere Redewendungen kommen«, Hamburg 2010).

 

Habt ihr noch weitere Informationen zum Löffel, oder wisst etwas über das Löffelbord?

 

Weiterführende Links:

online Löffelsammlung

Löffel Wikimedia Commons

Löffelmuseum Wladimir

Löffelmuseum New Jersey

Löffelmuseum Nytwa

Auf besondere Weise setzen sich auch diese Menschen mit der Gestaltung von Esswerkzeigen auseinander:

Firdaws Fourcroy

Nils Hint

Jouw

Interview mit Martin Kullik, Gründer von Steinbeisser

 

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