Eine deutsche Bio Bäckerei in Japan

Brot gehört nicht zur traditionellen japanischen Ernährung. Es kam in den 50er Jahren in Form von Toastbrot (via Weizenimporte der Amerikaner) ins Land und ist seither als „traditionelles“ Frühstück beliebt.

Über einen guten Bekannten, word©onsume, der selber eine Zeit in Japan lebte und dort u. a. Deutsch unterrichtete, wurde ich auf den Instagram-Account von Ai Kosaka aufmerksam, genau zu dem Zeitpunkt, als sie in Nomi, einer japanischen Kleinstadt in der Präfektur Ishikawa, eine Bäckerei baute. Das fand ich so faszinierend, dass ich ihr gleich folgte. Ich habe via Instagram die Bauarbeiten mitverfolgt und inzwischen ist es ein hübsches, kleines florierendes Unternehmen geworden.

Ai Kosaka hat das ganze Bauprojekt inklusive Grundstückskauf mit Bank-Darlehen finanziert und ihr Marketingkonzept durch Crowdfunding finanziert. Diese Kampagne lief wohl auch ausserordentlich erfolgreich.

Ich schrieb sie an und sie erzählte mir etwas über sich: Ai hat 2015 eine Ausbildung als Bäckerin im Dottenfelderhof bei Frankfurt gemacht, danach hat sie anderthalb Jahre als Gesellin bei Denningers Mühlenbäckerei gearbeitet. Weil sie sich für den deutschen und schweizerischen Natur- und Tierschutz interessierte, und sich das als Austauschschülerin mal genauer angucken wollte, hatte sie schon in der Schule begonnen deutsch zu lernen. Sie studierte dann in Japan europäische Kultur und Deutsch.

Dann entschloss sie sich, in ihrem Heimatort eine Bio-Bäckerei – von Grund auf zu bauen – und zu betreiben.

Seither gibt es dort klassische deutsches Brot-Programm: Weizenvollkornbrot, Dinkelvollkornbrot (die sind noch ganz selten in Japan), Weizenmischbrot, Roggenbrot, Brezel, Semmel und Vollkornbrötchen mit verschiedenen Körnern. Als Süßwaren ein paar Sorten Blechkuchen (Streuselkuchen, Apfelkuchen… Eierschecke möchte ich backen!), Stollen, Elisenlebkuchen, Zimtsterne in Weihnachtszeit.

Eigentlich ist unser deutsches Brot für den japanischen Geschmack viel zu hart, zu sauer.

„Nach Angaben von Hirokazu Kurata ist das deutsche Brot vor rund 30 Jahren zusammen mit dem französischen nach Japan gekommen, war seinerzeit aber stark roggenlastig und demzufolge sehr kompakt, mit dicker Kruste und kräftiger gesäuert. Kein Vergleich zu den locker-leichten Broten aus Frankreich. Ein Fehler! Man hätte damals wohl mit Weizen- und Weizenmischbroten starten sollen. Demzufolge haben sich französische Backwaren wie Baguettes, Croissant im Markt weit verbreitet und man findet vor Ort zahlreiche Bäckerei-Filialisten aus Frankreich und noch mehr, die sich französisch geben.“ schrieb Bernd Kütscher 2017 hier.

Und Lutz Geißler ergänzt 2019 in seinem Blog „Japaner lieben ein saftiges Kaugefühl. Der Biss muss lange weich und erst am Ende kurz fest sein. Das erklärt einerseits, weshalb so viel Sandwichbrot, Brioche und verwandte Gebäcke gegessen werden (…)

Aber andererseits ist es dort vielleicht so exotisch interessant, wie hier asiatische Speisen. Und der Trend nach gesunden, biologischen und handwerklich hergestellten Nahrungsmitteln ist auch ein globaler.

Ihr Geschäft heißt Brotruf, was ich ganz entzückend finde, denn es assoziiert Notruf. Brot für den Notfall. In Japan kennt man den Notruf aber nicht, deshalb erklärt sie es als „Ruf des Brotes“, was auch witzig ist. In ihrem Logo gibt es einen Hund, der eine Brezel um den Hals trägt – so wie die Klischeebilder der Bernhardiner Rettungshunde, die ein Fäßchen Rum am Hals hängen hatte, was mit der Realität aber nichts zu tun hat. Es gibt aber tatsächlich auch einen Bäckereihund und ich habe versäumt, nach seinem Namen zu fragen.

Sehr schön ist auch ihre weihnachtliche Stollenproduktion, die sie sehr hübsch verpackt. Sehr interessant ist die Variate einer Kundin, Stollen mit Salat zu servieren!!!

Ai verkauft ihre Backwaren nahezu ausschließlich über Ihr Geschäft. Es gibt wohl immer mal Anfragen von anderen Läden oder aus der Gastronomie, aber das würde ihre Produktion sprengen. Außerdem sind ihr die Beratungs- und Erklärungsgespräche sehr wichtig, die sie mit ihren Kund:innen im Laden führen kann. Glücklicherweise hat Ai keine nennenswerten Einbrüche durch die COVID-19 Pandemie erfahren, obschon Japan gerade mit der dritten Welle zu kämpfen hat.

Liebe Ai, ich danke Dir für den schönen Austausch und die Geduld die Du mit mir hattest, denn meine erste Anfrage liegt schon über ein Jahr zurück.


Wer mehr über Brot und Brot in Japan lesen möchte, hier ein paar Links:

Lutz Geißler ist Backnomade und schreibt hier über seine Brot-Erfahrungen in Japan.

Klemens Maginot beschreibt seine Erfahrungen mit Brot in Japan.

Brot vs. Reis

Zahlen und Fakten zum japanischen Frühstück (2014)

 

 

5 thoughts on “Eine deutsche Bio Bäckerei in Japan

  1. Herzlichen Dank für den netten Artikel. Es ist glaube ich unmöglich zu vermitteln wie froh ich darüber bin dass Ai bei mir in der Nähe diese Bäckerei aufgemacht hat. Ich war seit Anfang an beim Crowdfunding dabei, und versuche sie noch jetzt in allen möglichen Arten zu unterstützen.

    Hier in japan gehen mir beim Essen zwei Dinge ab: Käse und Brot – und Dank Ai ist zumindest das Problem mit Brot stark gelindert!

    1. Lieber Norbert Preining,

      das ist ja ganz fabelhaft! Ich kann mir das gut vorstellen, dass einem in der Ferne das eine oder andere fehlt und es nahezu unmöglich ist, es zu bekommen. Was für ein Glück, dass Sie Ai in der Nähe haben. 🙂

      Herzliche Grüße aus Köln!

  2. Hallo Ute,
    nun habe ich auch die verlinkten Seiten über Teigwaren in Japan gelesen. Das mit den Baguettes, und „mon dieu“ auch mit den Croissants, stimmt absolut. Hier bekommt man von Croissants oft Husten, derart trocken legen die sich zwischen Zunge und Gaumen nieder.
    Die „Brotruf“-Baustelle habe ich ebenso mit großem Interesse verfolgt und auch mir gefällt diese Herangehensweise in Verkauf und Angbeot mit liebevollem Verständnis für das Produkt, die Arbeit und das „Marketing“ incl. der japanischen Art der Verpackung und entsprechendes Auge dafür. Insgesamt habe ich vom noch existierenden Charme des Einzelhandels in den japanischen Vierteln einen komplett positiven Eindruck, auch wenn sich vor Ort Vieles im Umbruch befindet. Die alten, überdachten Marktpassagen wirken teilweise arg runtergrockt und anachronistisch, doch auch hier tut sich zaghaft wieder was. Die alteingesessenen Läden mit ihren Spezialisierungen auf nur ein Produkt oder verwandte Prodkuktlinie, verschwinden zunehmend, doch die jüngere Generation besinnt sich auch wieder auf lokale Werte und Traditionen. „Wertschätzungskette“ werfe ich hier mal als Wort in den Kommentarraum.

    Noch gar nicht mit Ai gesprochen, ob sie den Blogpost schon gesehen hat. Uff, hier liegt noch ein Päckchen, das schon längst in der Postschlange angestanden haben wollte…

    Deinen Beitrag habe ich als schönes Geschenk für den gestrigen Tag wahrgenommen. 😉

    でわまたです!

    1. Lieber Sven,

      danke für Deine Schilderung. Ich kann das von hier aus natürlich überhaupt nicht beurteilen und ich war ja leider auch noch nie in Japan. Freut mich natürlich sehr, dass Dir der Artikel gefällt!
      Ai hat das gelesen, ich hatte ihr sogleich den Link geschickt. 🙂

      Auf bald!

    2. Ai hat mich auf diesen Blogpost vewrwiesen, sie hat in schon gelesen und sich sehr gefreut!

      Jaja, die Marktpassagen sind nicht gerade die Perlen Japans, und leider poppen überall dauern neue Riesen-Shoppingcenter auf (hier vor kurzem ein Aeon) die den letzten kleinen Geschäften den Garaus machen. Ich bin da nicht ganz so optimistisch was kleine Geschäfte angeht. Nur ganz bestimmte Marktlücken kann man da füllen. Liegt aber vielleicht auch daran dass ich eher am Land lebe (Ishikawa, Hokuriku).

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