Artischocke

In Säure getränktes Löschpapier

Alles, was wir essen ist ungenießbar geworden. Hühner, Schweine und Kälber schmecken nach aufgequollenen Waschlappen. Wenn ich Kalbsgulasch koche, sagt Hubert: „Pfui Teufel, was riecht denn da so nach Leichen?“ In letzter Zeit koche ich deshalb nur noch Rindsgulasch, vielleicht weigern sich die Kühe hartnäckig, etwas anderes zu fressen als Gras und Heu. Wahrscheinlich ist es ganz gut, daß Hubert raucht, dann merkt er nicht so genau, wie grauslich alles schmeckt. Es entgeht ihm, daß das Schlagobers stinkt und daß der Karpfen nach Petroleum riecht.

Alles wird immer teurer, schmeckt immer schlechter und ist dafür bombastisch verpackt.


(…)
Das Unheimliche an diesem Zustand ist, daß jeder es weiß und kaum einer darüber redet. Wir schlucken geduldig hinunter, was man uns vorsetzt. Ochsen sind wir, die einen Ring durch die Nase tragen und brav auf vorgeschriebenen Pfaden dahintraben. Am Samstag hatte ich eingelegte Maiskolben und Artischocken gekauft. Sie waren sündteuer, und beides schmeckte wie Essiggurken. Für diese Dinge scheint kein Mensch zuständig zu sein. Es gibt keinen, den man dafür anklagen könnte. Denn vom Minister bis zum Hausmeister essen wir alle geduldig in Säure getränktes Löschpapier.

 

Marlen Haushofer: Die Mansarde
Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, 1986

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