Ein Frühstück bei Goethes, aus "Wohl bekam's"

Menükarten beflügeln die Phantasie

Wann habt Ihr das letzte mal eine Menükarte in den Händen gehalten? Bei mir war es wahrscheinlich vor über 20 Jahren, beim runden Geburtstag der Mutter einer Freundin. Ganz sicher aber Mitte der 70er Jahre, als einer meiner Onkel heiratete. Die Hochzeit fand in einem Schloss in oder in der Nähe von Bad Ems statt und ich erinnere mich noch daran, dass es Schildkrötensuppe gab. Das ginge ja heutzutage gar nicht mehr, aber als Kind fand ich das hochinteressant und ich meine mich zu erinnern, dass sie wie eine sehr kräftige Bouillon schmeckte.

Also, ich bewege mich nicht in den Kreisen, in denen Menükarten oft stattfinden.

Tobias Roth und Moritz Rauchhaus haben im kleinen feinen Verlag DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS das wunderbare Buch “Wohl bekam’s – in hundert Menus durch die Weltgeschichte” herausgebracht.

Buchcover "Wohl bekam's"

 

Der Untertitel “In hundert Menüs durch die Weltgeschichte” trifft es gut. Das “Inhaltsverzeichnis” eines Festessens verrät doch so viel mehr, als nur die Reihenfolge der Speisen. Die beiden Herausgeber haben nämlich verstanden, was auch mein Mantra hier ist: Im Essen steckt die ganze Welt.

“Menükarten beflügeln die Phantasie, sie gewähren einen intimen Einblick, sie zeigen uns, was war und wie es war. Die Vorstellungskraft wird spielerisch an die Geschichte herangeführt: Wo kommen die Zutaten her, wie geht es in der Küche zu, bevor serviert wird, und was geschieht wohl, nachdem abgeräumt worden ist? Die Realien des Menus werden gleichsam die Imagination und geben einen lockeren Rahmen. Wir sehen die Gemeinsamkeiten. Die Geschmäcker mögen sich rasant wandeln, die Mägen tuen es nicht.
(…)
Der Speiseplan zeigt sich als ein Medium, als eine dokumentarische Form, die prompt und simultan ein Fenster in eine fremde, eine lang vergangene Lebenswelt öffnet.”

und:

“Die Grenzen meiner Speisekarte sind die Grenzen meiner Welt. Im Italien der Renaissance sucht man Tomatensauce vergebens.”

So lassen sich auch Moden ablesen, Veränderungen und Fortschritte in z. B. Konservierungsmethoden, oder die Entdeckung der Welt, Entwicklung von Transportwegen durch bestimmte Zutaten aus anderen Teilen der Welt. Und wozu gab  es vor dem 19. Jahrhundert Menükarten, als die Serviertechnik noch ein Service à la française State of the art war, bei dem alle Speisen zur gleichen Zeit präsentiert wurden? Erst danach löste das der Service à la russe ab, nämlich das Servieren der einzelnen Gänge nacheinander. Hier beginnt dann auch die große Zeit der Menükarte als gestaltetes Artefakte. (Wäre vielleicht auch eine Idee für ein Buch.)

Das schönste am Buch sind aber die kleinen, einseitigen Essays zu jedem Menü. Herrlich pointiert geschrieben und immer auch mit einem Augenzwinkern, wird ein Aspekt kommentiert. Der ist nicht unbedingt ein Teil der Speisefolge. Es gibt ein bisschen Gossip über Napoleon Bonaparte, einen Mini-Einblick in die Logistik eines Buffets im Jahr 1816 für 3.000 Leute, wie speiste man 1884 auf Reisen (im Orient Express), die Gleichzeitigkeit des ersten Menüs im Weltraum 1961 und das, was John F. Kennedy am gleichen Tag im Weißen Haus verspies. Kleine Einblicke in historische Biografien oder politische Ränkeleine.

“Dass etwa zur Begrüßung der siegreichen Truppen aus Frankreich in Berlin am 17. Juni 1871 Fisch aus dem Rhein auf den Tisch kam, dürfte kein Zufall sein.”

Es ist ein sehr großes Vergnügen, das zu lesen.

Ich habe riesen Respekt vor der Recherche, die diesem Buchprojekt vorangegangen ist. Die Quellen sind im Anhang auf über vier Seiten benannt. Ebenfalls die Kenntnis der Herausgeber über Ess- und Tischkultur, Kulinarik und Gastrosophie. Alleine die Kniffeligkeit der Übersetzungsarbeit und die Beherrschung eines Küchenvokabulars, insbesondere im historischen Kontext, wird im Nachwort anhand “à l’Anglaise”, also Buttersoße, oder des “Coburger Schinken, serviert auf Versailler Art” angedeutet.

Das Buch an sich:

Wunderschön gestaltet von 2xGoldstein und Schöfer: Ein griffiger Leineneinband mit Kopffarbschnitt und Lesebändchen. Es wurde zweifarbig gedruckt – rot und blau – und jede Seite wird von kleinen Vintage-Illustrationen gerahmt. Das einzige was mich ein wenig stört ist, dass das Papier durchschlägt. Das heißt man sieht auf jeder Seite, das Gedruckte der Rückseite. Das  ist bei der Liebe, mit der gestaltet wurde schade und stört ein bisschen den Lesefluss.

Anyway, ich bin total begeistert von dem Buch und froh, dass uns Tobias Roth und Moritz Rauchhaus auf diese Reise mitgenommen haben. Sehr niedlich: das hundertste Menü beschreibt das Hochzeitsessen von Tobias Roth und Isabelle Rejall, der dazugehörige Essay, wie Tobias Roth und Moritz Rauchhaus im Garten sitzen und ihre Gläser heben, zufrieden auf Ihre Arbeit zurückblicken und sowohl den Lesern als auch denen, die ihre Arbeit unterstützt haben zuprosten.

Ich proste zurück.

Menükarte, Entwurf

 

Edit 1: Während ich diesen Blogbeitrag schon so im Kopf hin und her vorformulierte, bekam ich einen Auftrag zur Gestaltung einer Menükarte. Es besteht kein kausaler Zusammenhang.

Edit 2: Zufällig entdeckte ich dieser Tage den Twitteraccount @menustory der tagesgenau historische Menüs twittert

 

 

 

 

 

[Unbezahlte Werbung: Tobias Roth hat mir ein Exemplar des Buchs zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!]

WOHL BEKAM’S
Hrsg. von Tobias Roth und Moritz Rauchhaus

14 × 21,5 cm, zweifarbiger Druck, gebunden,
mit Kopffarbschnitt und Prägung, 336 Seiten
ISBN: 978-3-946990-23-9

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